Wissenschaftsfeindlichkeit der Kirche? Widerlegung eines propagandistischen Stereotyps der Moderne
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Flammarions Mönch
Ein Holzschnitt als Verbreiter des Schlagworts von der Antiwissenschaftlichkeit der Kirche

Der Untertext zum Bild lautet im Original:
„Ein Missionar des Mittelalters erzählt, dass er den Punkt gefunden hat, wo der Himmel und die Erde sich berühren …“,,,
Das Bild illustriert eine Textpassage der gegenüberliegenden Seite:
„… Ein naiver Missionar des Mittelalters erzählt sogar, dass er auf einer seiner Reisen auf der Suche nach dem irdischen Paradiese den Horizont erreichte, wo der Himmel und die Erde sich berühren, und dass er einen gewissen Punkt fand, wo sie nicht verschweißt waren, wo er hindurch konnte, indem er die Schultern unter das Himmelsgewölbe beugte. …“ ...
Die Abbildung wurde erstmals 1903 auch in einem deutschsprachigen Werk verwendet und hier als „Mittelalterliche … Darstellung des Weltsystems“ bezeichnet. Sie wurde in der Folge in vielerlei Kontexten zur Illustration verwendet und dabei häufig als authentischer spätmittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Holzschnitt betitelt. Fast stets wurde sie ohne Flammarions Schmuckrahmen gezeigt, teilweise zusätzlich im oberen Teil um Räder, Mond und Gestirne beschnitten.Seit 1979 wurden von Künstlern auch kolorierte Fassungen gezeigt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Flammarions_Holzstich

Es ist die bekannteste Abbildung mit astronomisch-historischer Symbolik, die es je gegeben hat: einem mittelalterlichen Mönch gelingt es, auf der Erdscheibe das Ende der Welt zu erreichen, das Himmelsgewölbe zu durchbrechen und einen Blick in die Tiefen des fremdartigen Universums zu werfen. Der Holzschnitt ist so symbolträchtig, dass er mahr als hundert Jahre lang nicht nur den Astronomen, Kosmologen und Astrologen, sondern auch den Philosophen, Historikern, Psychologen und Pädagogen als die anschaulichste Darstellung des mittelalterlichen Weltbildes diente. Denn, dass sich die geistlichen Gelehrten des damaligen finsteren Mittelalters den Kosmos so und nicht anders vorgestellt haben, wird kaum bezweifelt....

Camille Flammarion war der berühmteste Astronom des 19. Jahrhunderts und einer der erfolgreichtsten Buchautoren Frankreichs. Er gründete die Französische Gesellschaft für Astronomie und war auch bekannt durch seine Ballonfahrten und spiritistischen Seancen. Obwohl katholisch getauft, betrachtete sich der Astronom später nicht mehr als Christ. Seine religiöse Einstellung war sogar ausgesprochen antiklerikal: "Alle Kichen sind Gefängnisse des Geistes" und "Die Theologen stehen immer in Opposition zur Wahrheit", schrieb er und plädierte für eine Religion der Wissenschaften: "Es ist an der Astronomie, eine Religion der Zukunft zu gründen."

Den Kampf für eine wissenschaftliche Religion führte Flammarion allerdings mit sehr unwissenschaftlichen Methoden: Er unterstellte den mittelalterlichen Theologen Meinungen, die sie nicht hatten, und stellte das Mittelalter verzerrt dar... Schon die Darstellung der Erde als Scheibe, wie es das Bild zeigt, gehörte keineswegs zur herrschenden Weltanschauung der Gelehrten des christlichen Mittelalters.

Das wirkliche Weltbild des MittelaltersDas wirkliche Weltbild des Mittelalters aus dem Jahr 1512 gemäß dem Theologen Carolus Bovillus (Charles de Bouelles). Die himmlischen Sphären und die Erde weisen Kugelgestalt auf.

Kein gelehrter Geistlicher hat je behauptet, die Erde habe eine Scheibenform. Eine allgemein anerkannte oder gar kirchlich proklamierte Flacherdenlehre gab es im christlichen Abendland eben nie. Die sogenannte kopernische Wende, der Übergang vom Goezentrismus zum Heliozentrismus, hatte mit der Gestalt der Erde, obwohl dies auch heute viele Autoren immer noch nicht begreifen, nichts zu tun. Jahrhunderte vor Kopernikus nämlich war die Vorstellung einer runden Erde die gängige Lehrmeinung der Gelehrten im Mittelalter. Wegen der Idee, die Erde sei eine Kugel, wurde niemand von der Kirche verurteilt und es wurde auch kein Buch darüber verboten. Im Gegenteil, es waren die Geistlichen, die die Erdkugellehre im Mittelalter in den neu christianisierten Ländern verkündeten.

Der Holzschnitt von Flammarion ist trotz seiner Faszination ein Falschbild. Er stellt keineswegs die historische Wende vom Mittelalter in die Neuziet dar, wie manchmal hineininterpretiert wird, sondern im Gegenteil, eine unhistorische Karikatur der mittelalterlichen Kirche. Der berühmte Astronom missbraucht seine Autorität und stellt auggestiv ein Weltbild, das höchstens in den noch nicht christianisierten Ländern oder der ungebildeten geistlichen Gelehrtenwelt vor.

Flammarion mischt geschickt Dichtung und Wahrheit und hat damit his heute Erfolg: Mehrheitlich herrscht immer noch die Auffassung, sein Bild sei eine zutreffende Darstellung des gelehrten mittelalterlichen Weltbildes. Viele Autoren haben sogar jahrzehntelang geglaubt, dass es sich dabei um eine echte Darstellung aus dem 16. Jh. handele. Dies ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie unkritisch Falschinformationen auch in gesellschaftlixch gebildeten Kreisen übernommen und als Desinformation weitergegeben werden.

Auf ihren risikoreichen Weltreisen liefen die Mönche nicht Chimären und Utopien nach, sondern befassten sich neben der Missionsarbeit stets ach mit erd- und menschengebundener Forschung. Und wenn sie zurückkamen, dann brachten sie nicht nur neue geographische und ethnologische Erkenntnisse mit, sondern oft auch neue Pflanzen und Heilmittel.

Der reale, historische Mönch war keineswegs so naiv wie Flammarions Holzschnitt suggeriert. Im Gegenteil, er gehörte in der Regel zur Gelehrtenelite seiner Zeit. Seine dunklei Klosterzelle strahlte mehr Licht aus, als viele helle Kabinette von Akademikern.

Sein astronomisch-antiklerikales Symbolbild täuscht zwar vor, dass es aus dem Mittelalter stammt, wurde aber in Wirklichkeit erst am Ende des 19. Jahrhundertes in der Jugendstilzeit geschaffen und erstmals 1888 publiziert. Die im Holzschnitt dargestellten Räder des Propheten Ezechiel (1,16), eine Kopie aus der Merian Bibel, weisen paradoxerweise auf einen gläubigen Künstler hin. Höchstwahrscheinlich wrde das Bild im Auftrag Flammarions vom tschechichen Jugendstil-Kunstmaler Alphons Mucha (1860-1939) gefertigt, der damals in Paris wirkte. Der reigiös erzogenen Mucha malte schon vorher mittelalterliche und religiöse Motvive und erhilet von der Akademie München sogar einen Preis für sein Darstellung der heiligen Cyrillus und Methodius von Mähren. Auf der Pariser "Exposition Religieuse international im Jahr 1900 stellt er dann, vermutlich als eine Reaktion auf die Parole vom finsteren Mittelalter, das Bild "Die Finsternisse des Heidentums."...

Die Liste der Befürworter des Erdkugelmodells ist lang. So bejahrten die Erdkugellehre im 8. Jh. der hl. Beda Venerabils, im 10. Jh. Papst Sylvester II., im 12. Jh. die hl. Hildegard von Bingen, im 13. Jh. der hl. Albertus der Große, im 14. Jh. Bischof Nikolaus von Kues (Nicolaus Cusanus) und Papst Pius II. Man findet im gesamten Scrifttum des gelehrten Mittelalters kaum fünf Prozent an Arbeiten, welche die Flacherdenlehre unterstützen.

Dass Camille Flammarions Holzschnitt eine Unterstellung ist, beweist auch ein Vergleich mit dem thematisch ähnlichen echten Holzschnitt aus dem Jahre 1512 des französischen Theologen CCarolus Bovillus im Buch "Liber de Sapientiae". Hierz seiht man deutlich, dass die himmlichen Spähren eine kugelförmige Erde umranden.

Trotzdem wird aber die These von der angeblichen Flacherdelehre der Kirche im Mittelalter bis heute weiterverbreitet. "Rückfall in die Unbildung: Das Erdporträt mittelalterlicher Mönche", schreibt zum Beispiel Vitalis Pantenburg in seiner "Geschichte der Kartographie" (1970) und erklärt: "WIe sollten die mittelalterlichen Mönche in der Enge und Beschränktheit ihrer weltabgewandten Klausuren zu wirklichkeitsnäheren Auffassungen der Erde kommen? Es ist ganz natürlich, dass die Mönche in ihrer Versponnenheit die Erde sahen, wie sie nach der kirchlichen Auffassung zu sein hatte." Und der deutsche Autor Andreas Venzke (*1961) behauptet noch 2004 in seiner Kolumbus-Biografie erstlich: "Im Mittelalter unterdrückte die Kirche gewaltsam jeden Gedanken, der sich nicht dem Dogma von der Scheibenform der Erde unterordnen wollte."

Quelle (Text und zweites Bild):
Albert Kloss. Das Wissen der Mönche. Beitrag der Geistlichen zur Entwicklung der Wissenschaften.Stein am Rhein: Christiana Verlag 2008

Seriöse Gelehrte wie Thomas von Aquin bestritten nie die Kugelform der Erde. Und auch der Reichsapfel der deutschen Kaiser symbolisierte eine Weltkugel und ist ein Beleg für dieses Wissen. So hatten Kolumbus´ Männer auch keine Angst vom Rand der Erde zu fallen, als er nach Westen segelte. Sie hatten die berechtigte Angst, dass Ihr Anführer den Umfang der Weltkugel und damit den Weg nach Indien falsch berechnet hatte und sie vor Hunger sterben mussten. Zu Ihrem Glück befand sich auf ihrem Weg der unbekannte Kontinent Amerika.
https://wize.life/themen/geschichte/4998/mythos-flache-erde-flammarions-holzstich

Die Gestalt der Erde ist kugelförmig, ihre Bewegung kreisförmig, könnte jedoch vollkommener sein.
Nikolaus von Kues (1401-1464), deutscher Theologe und Philosoph

Weiterführende Informationen:

Prof. DDr. Alkuin Volker Schachenmayr: Zur Wissenschaftsfeindlichkeit der Kirche. Widerlegung eines Vorurteils der Moderne. Imago Hominis (2009), 16: 299-307 https://www.pater-alkuin.com/uploads/7/2/8/4/72846105/zur_wissenschaftsfeindlichkeit_der_kirche_.pdf
http://www.academia.edu/2051410/Zur_Wissenschaftsfeindlichkeit_der_Kirche._Widerlegung_eines_Vorurteils_der_Moderne
Forscher aus den Reihen der Kirche https://www.nzz.ch/wissenschaft/forscher-aus-den-reihen-der-kirche-1.18504095
Josef Bordat. Als die Erde ein Apfel war https://www.die-tagespost.de/bordats-blog/art4689,189058

 

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