"Heiligste Dreifaltigkeit" Altdorf b.Nürnberg
Verbot zur Benutzung des Dienstmotorrads
   

Brief von Pfarrer Franz Mayer an den Landrat in Nürnberg

Kath. Stadtpfarramt Altdorf bei Nürnberg.


28.4.1943

An den
Landrat/Wirtschaftsamt

Nürnberg.

Gesuch um Wiederbewinkelung meines Kraftrades IIS 262367 und um Gemischzuteilung.

Unterzeichneter hat auf sein Gesuch vom 21.1.1943 wegen Entwinkelung seines Fahrzeuges bis
heute keine Verbescheidung erhalten und möchte neuerdings um Wiederbewinkelung und
Gemischzuteilung ersuchen.

Bereits in meinem Gesuch vom Januar habe ich die dringende Notwendigkeit und die
außerordentlichen Umstände dargelegt, die eine Motorisierung dringend notwendig machen.
Ebenso habe ich die Unrechtmäßigkeit der Strafaktion bewiesen, wenn man mir wegen
Ukrainerseelsorge den roten Winkel genommen hat; ich brauche auf diese Darlegungen bloß
hinzuweisen und kann mit neuesten Veröffentlichungen des
Reichssicherheitshauptamtes=Dezernat für kirchliche Angelegenheiten, Berlin W. Meineckestr.
10 -- erlassen am 1. 12. 42 wiederum die ganze Rechtmäßigkeit und Richtigkeit meiner
Handlungsweise nachweisen: "Die Weisungen bezüglich der Pastorierung der Ausländer
werden erst später erscheinen. Bis dahin dürfen die kath. Ukrainer anstandslos betreut werden.
Die Ukrainischen Gottesdienste brauchen bei den Behörden nicht angemeldet werden. Indes
sind von der Pastorierung ausgeschlossen die Ukrainer mit dem Zeichen "Ost". Weiter: Alle
Priester des lat. Ritus sind im Umfange ihres Amtes berechtigt, soweit kein ukrainischer
Geistlicher zur Stelle ist, die Ukrainer in jeder Hinsicht seelsorglich zu betreuen - mit
Ausnahme der kriegsgefangenen Ukrainer und der Arbeiter aus der Ukraine, welche die
Bezeichnung "P" oder "Ost" tragen."
(Veröffentlicht im Pastoralblatt des Bistums Eichstätt No
3 vom 29. 3. 43.)

Damit ist neuerdings die Unrechtmäßigkeit der Entwinkelung erwiesen. Jüngst waren ohne
mein Wissen Leute aus Leinburg beim Landrat -wie ich später erfuhr -, um Benzin zu erhalten
für eine Fahrt ihrer Kinder nach Altdorf zu Vorbereitungen der Erstkommunion am weißen
Sonntag. Vielleicht hat der Landrat aus dem Sprechen dieser Leute die großen Schwierigkeiten
ersehen können, die bestehen, da weit und breit keine katholische Kirche steht, und doch sollen
diese Soldatenkinder auch zu den Sakramenten geführt werden: Erstkommunion - Firmung. Ist
es nicht geistesgeschichtlich furchtbar, - was ich heute erlebte: Der Tierarzt fährt zu einem
kranken Tier nach Leinburg mit dem Auto, der katholische Geistliche soll 10 Soldatenkinder
vorbereiten zum Sakramentenempfang und muß mit dem Rad die Fahrt machen und hat ein
Gebiet von 92 Orten, ein Lazarett, Schulen an vielen Orten, viele Kranke, zu denen er nicht
kommen kann, weil er nicht im Monat einige Liter Benzin bekommt, - und das sind Deutsche,
Menschen - keine Tiere! Menschen, deren Angehörige draußen bluten -- auch von mir ist nun
der zweite Bruder im Osten gefallen am 19. März dieses Jahres, und ich muß das Opfer von
niedrigen Angebern sein, -- wo viele Menschen auf den Seelsorger warten, um seelisch wieder
aufgerichtet zu werden!


Noch einige Erfahrungen aus den Monaten ohne Benzin: Es waren im Laufe dieses Jahres schon
wiederholt feindliche Fliegerangriffe. Jedesmal nach diesen Angriffen gab es eine große Zahl
von Anrufen zu Schwerkranken, zu Wöchnerinnen usw. Kinder, die in der Gefahrenzeit geboren
wurden, mußten raschestens getauft werden, da sie in Lebensgefahr schwebten. Kurzum, es war
jedesmal unmöglich, zu allen zu kommen. Ärzte, Hebammen usw. haben ihr Fahrzeug - aber der
Geistliche, der ebenso dringend gerufen wird - und wie oft schreiben es die Väter an der Front
- der Geistliche in einem Gebiet von 92 Orten - er muß die Angehörigen von Soldaten oft ihrer
Verzweiflung überlassen! Oder glauben Sie nicht, daß der Einfluß gerade auf schwer leidende
Familien von Seiten des Geistlichen viel beitragen kann, im Innern die Ruhe bewahren zu
helfen? Wir Geistliche bluten auch mit in diesem Ringen, und deswegen dürfen in solch
außerordentlichem Falle, wie er hier vorliegt, gewiß die Fahrtmöglichkeiten gewährt werden.

Ich glaube, es ist nicht nötig, eigens ein ärztliches Gutachten einzuholen, wie es um viele
Menschen steht nach Fliegerangriffen! Aber ermöglichen Sie es mir in größten Notfällen meine
Pflicht zu erfüllen und helfen Sie mit, schwerleidende Menschen von der Verzweiflung zu
bewahren durch Gewährung des Winkels und Benzin! Haben doch auch die Soldaten ihre
Geistlichen an der Front, warum soll die Heimat davon abgeschnitten sein?

Nochmals verweise ich auf die eingehende Darlegung und Beweisführung in meinem Schreiben
vom 21.1.43 und erhebe neuerdings die Bitte um Verbescheidung meines Gesuches und um
Gewährung des Winkels und Benzin für Dienstfahrten, wenigsten für die allerschwersten und
dringendsten Fälle.

Nochmals weise ich darauf hin, daß alle meine Vorgänger schon in Friedenszeiten motorisiert
waren, in einer zeit, Wo nicht die Hälfte der Arbeiten und Katholiken in diesem Gebiete zu
finden waren. Wenn nicht im Kriege alle jüngeren Geistlichen eingezogen wären, dann wäre ja
leichter, Abhilfe durch neue Kräfte zu erzielen, und nicht einmal dann wäre ohne Motorisierung
durchzukommen. So bitte ich um gütige Regelung der Angelegenheit.

gez. Pfarrer Franz Meyer




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